Nov 13, 2012 - Zusammen    No Comments

In der Weihnachtsbäckerei

Todesmutig standen wir am Samstag pünktlich um 12 Uhr in der Küche.
Unsere Mission: Weihnachtsplätzchen.
Vanillekipferl, Lebkuchen und Schokocookies.

Bevor nun irgendwelche Kommentare von euch kommen: Ja, wir wissen, dass es erst Anfang November ist!
Aber wir stehen mittlerweile kurz vor unserem Examen und wissen nicht, wie viel Zeit und Muße wir in den nächsten Wochen für’s Backen haben werden.

Zutaten hatten wir am Mittwoch besorgt und schon da hatten sich die ersten Probleme aufgetan.
Die Logik kanadischer Supermärkte hat sich uns durchschnittlichen Europäern nicht erschlossen.
Wer Puderzucker neben normalem Rohrzucker oder Mehl neben Backpulver erwartet, hat weit gefehlt.
Und warum sollte man auch verschiedene Sorten Backpulver (das in kleinen Päckchen und das im Glas) nebeneinander ins Regal stellen?  Die waren in unterschiedliche Gänge geräumt!
Und geriebene Mandeln bei  Mehl, wo gibt’s denn so was – außer in Europa?

Nach kurzweiligen 45 Minuten hatten wir endlich alles beisammen, mit einigen Einschränkungen.

Wir konnten keine Schokotropfen ohne Milch finden, also griffen wir auf Cranberries zurück. Und wer braucht schon Puderzucker? Leinsamen wurden durch Mandeln ersetzt.
Letztendlich fanden wir sogar die im Rezept angegebenen Backpulverpäckchen der altvertrauten deutschen Dr. Oetker-Marke. (Nein, das ist keine Schleichwerbung.)
Ach, wenn wir schon mal bei den Päckchen „Made in Germany“ sind,  die deutsche Gründlichkeit war unverkennbar. Es nimmt schon einige Anstrengungen und etwas Geduld in Anspruch die Vanillezucker-oder Packpulverpäckchen mit bloßen Händen zu öffnen.

Am Samstag war es dann also soweit. Alicka erreichte ohne größere Zwischenfälle Kathrins momentanes Zuhause.
Und dann ging es auch schon – durch den „Dienstboteneingang“ (Habt ihr etwa geglaubt, Kathrin würde den Haupteingang benutzen?)  – direkt in die Küche.

Zuerst trauten wir uns an den Teig für die Vanillekipferl, denn dieser musste zwei Stunden in den Kühlschrank gelegt werden.
Hier ergaben sich schon die ersten Schwierigkeiten. Der Teig wollte sich nicht so ganz kneten lassen und fiel immer wieder auseinander. Aber immerhin schafften wir es, ihn am Schluss zu einem Klumpen zu formen. Und im Gegensatz zu Alickas Zuhause hatten wir hier sogar eine Küchenwaage zur Hand. (Alicka: „Könnt ihr euch vorstellen, wie umständlich es ist, zwei Apfelkuchen ohne Waage zu backen? Ich musste alles in Cups umrechnen und nebenbei mit versehentlich gekauftem Würfelzucker und nicht vorhandenen Kuchen-, sondern Auflaufformen improvisieren. Das Ergebnis hat aber trotzdem geschmeckt. Das ist jedoch eine andere Geschichte!“)

Mit dem fertigen Teig im Kühlschrank ging es an die Cookies. Der Teig war diesmal kein Problem, auch wenn wir etwas mit dem Handrührer zu kämpfen hatten. Es war wie verhext. Jedes Mal wand sich der Teig an einem der Rührer empor, sodass wir immer wieder stoppen und den Teig mit dem Löffel abkratzen mussten.

Dabei kamen wir jedoch auch in den Genuss, ein bisschen zu naschen. Wir wussten schon: Das wird was!
Die Cookies kamen bei 180° in den Ofen. Nach 15 Minuten waren sie immer noch viel zu weich. Etwas verwundert ließen wir sie also doppelt so lang wie die vorgegebene  Backzeit im Ofen.

Wir konnten uns nicht einigen, wann es Zeit wäre, die Cookies herauszuholen. Kathrin wollte sie etwas weicher, Alicka knusprig. Während wir schon den Lebkuchenteig vorbereiteten, wurde diskutiert. Sogar Aki wurde zu Rate gezogen, die sich aber diplomatisch heraushielt.
Irgendwann schauten wir alle zehn Sekunden in den Ofen und prüften unsere Sorgenkinder. Schließlich passten wir die perfekte Zeit ab (Kathrin: „Weil ich die Initiative ergriffen habe!“ Alicka: „Sie wären auch etwas knuspriger noch gut gewesen!“)

Dann ging’s an die Lebkuchen. Habt ihr schon mal probiert, Lebkuchen ohne Lebkuchengewürz, ohne Obladen und anstatt mit Nüssen, mit Haferflocken zu backen?
„When in Rome, do as the Romans do!“
Folglich ersetzten wir Lebkuchengewürz durch Ahornsirup und Zimt.

Dadurch wurde der Teig natürlich etwas klebrig. Das war jedoch kein Problem, wir hatten schließlich den Handrührer zur Hand.

Dummerweise wurden wir während des Backens hungrig und dachten uns nichts dabei, einfach kurz eine Lunchpause mit Toast einzulegen.

Anschließend war der Teig ziemlich zäh. Das lag wohl am Sirup.
Wir hatten etwas Probleme, weitere Zutaten einzurühren. Letzten Endes war das Ergebnis aber zufriedenstellend, wenn es auch nicht wirklich viel mit Lebkuchen zu tun hatte 😀

Wisst ihr eigentlich, warum  Lebkuchen auf Englisch „Gingerbread“ heißen ( und auf Französisch „pain au gingembre“)? Wir wissen es nicht. Wenn euch mal langweilig ist, könnt ihr ja an die Sendung mit der Maus schreiben; die wissen doch auf alles eine Antwort!

Auch die Lebkuchen brauchten im Ofen ungewöhnlich lange.

Zum Schluss ging es dann wieder an die Vanillekipferl. Der Teig war nicht ganz einfach zu formen, doch es war machbar. Die Kipferl wurden zwar etwas größer als gewöhnlich, aber hier in Nordamerika ist ja sowieso alles größer.

Als die dann auch noch im Ofen waren, ging es ans Küche-sauber-machen.

Um vier Uhr warteten wir nur noch drauf, dass die Kipferl endlich fertig wurden, wir sie in Vanillezucker tauchen konnte und Zeit für einen Film hatten. Aber die Plätzchen wurden einfach nicht hart!

Irgendwann inspizierte Alicka den Ofen etwas genauer. Und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen!  Hier verdrehen sie ja alle Maßeinheiten. Man sagt, man misst 5‘4‘‘ und nicht 1,62 Meter. Man wiegt 100 Pfund und nicht 45 Kilo. Und so sieht man am Ofen auch erst mal nur °F, bevor man die kleinen °C-Zahlen entdeckt!

Wir haben also die ganze Zeit bei ca. 80°C gebacken!!! Kein Wunder, dass es so lange dauerte!
(Alicka muss leider (auf Drängen Kathrins hin) gestehen, dass sie es ja eigentlich hätte wissen müssen. Denn bei ihr zu Hause hatte sie ja schon einmal mit Fahrenheit gebacken. Dort hatte sie es jedoch schon vorher gemerkt :-D)

Aber es passt ja irgendwie zur bilingualen Stadt Montreal, dass sogar die Temperatureinheiten in zweierlei Formen angegeben werden  🙂
Zu unserer Verteidigung müssen wir noch sagen, dass in Kanada, anders als in den USA, die Temperaturen in der Wettervorschau und  auch sonst eigentlich überall, in Grad Celsius angegeben werden.

Als die Vanillekipferl dann endlich die angemessene Härte und Bräune hatten, dachten wir, wir hätten alle Hürden gemeistert. Weit gefehlt. Jetzt ging’s erst richtig los. Kaum hatten wir die Kipferl vom Blech, bemerkten wir auch schon, dass sie unten (!) verbrannt waren. Es hatte also doch etwas Gutes, dass  die Kipferl so dick geraten waren. Alicka schabte also alle Plätzchen mit einer Engelsgeduld ab, während Kathrin sie in den Vanillezucker tauchte. Jetzt kommen wir auch schon zum letzten Problem des Tages: Uns ging der Vanillezucker aus. Also mussten wir auf ein kolumbianisches Zimt-Zucker-Kakaogemisch zurückgreifen. Nur blöd, dass sich der Kakao auf den Plätzchen ein wenig aufgelöst hat. Das Ganze sieht jetzt nicht mehr so appetitlich aus – schmeckt aber. Wir nehmen jedoch nur die wirklichen Vanillekipferl mit in die Schule, nicht, dass Shin einen Anlass für ein neues Vorurteil gegenüber deutschen Mädchen hat; von wegen, deutsche Mädchen könnten nicht backen oder so … (dazu mehr in einem anderen Artikel.)

Jetzt haben wir also einen Riesenvorrat an Kalorienbomben. Damit wir gar nicht erst auf die Idee kommen, alles selbst zu essen, bringen wir den Großteil am Dienstag in unsre Klasse mit. Hoffen wir, dass es den anderen genauso gut schmeckt wie uns.

Am Abend schauten wir dann noch gemütlich einen Film („Invictus“ von Clint Eastwood, sehr zu empfehlen!) zusammen mit Aki. Bei ihr haben unsere Nicht-Schoko-sondern-Cranberry-Cookies und Vanille-bzw.-Schokokipferl den Test schon bestanden.

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